Eine Geschichte vom Richtigen
Auf der Wiese am Fluss spielten das ganze Jahr lang die Kinder des Dorfes. Im Sommer war hier am Ufer des Wassers natürlich am meisten los. Der fröhliche aber auch manchmal klagende Lärm der Kinder schwoll dann so an, dass sich die Bäume, die die Wiese in einem weiten Halbkreis umstanden, wohl am liebsten die Ohren mit den Händen zugehalten hätten. Da sie aber beides nicht hatten, raschelten sie nur beruhigend mit ihren Blättern im Sommerwind.
Auf der Wiese tummelten sich die Kinder und stellten sich ihre Spielzeuge und Spiele vor. Dann spielten sie damit oder stritten sich einfach darum. Und so wie dann die Geräuschwoge der Kinderbegeisterung an- und wieder abschwoll, so war einmal die auf der Mitte der Wiese aufgebaute große rote Rutsche der Mittelpunkt der Welt und ein anderes Mal waren es die Kettcarrennen rund um die Wiese.
Fritz war vor einigen Jahren mit seinen Eltern in das Dorf am Fluss gekommen und obwohl eher von schüchterner Natur hatte er sich bald dem bunten Treiben auf der Wiese am Fluss angeschlossen. Im Laufe der Zeit war ihm aufgefallen, dass jedes Kind des Dorfes ein ganz spezielles Spiel oder ein Spielzeug hatte, das es heiß und innig liebte. So gab es die Ball-Liese, die, obwohl eine der Wildeste n beim Fangen und Raufen, immer wieder zu ihrem orangefarbenen Basketball zurücklief. Oder Rutschen-Rudi, der die lustigsten Verrenkungen beim Rutschen zustande brachte aber auch gerne als Rutschenkapitän die anderen vom obersten Punkt der Rutsche kommandierte.
Ja es schien sogar ein geheimer unausgesprochener Wettbewerb zu sein, sich gegenseitig zu beweisen, dass man das schönste Spielzeug habe oder das spannendste Spiel beherrsche. Also hatte auch Fritz begonnen, sein Spielzeug in die Waagschale zu werfen. Das blaue Softballspiel hatte zunächst ihn und seine Freunde tagelange in Atem gehalten. Doch er wurde nicht zum Tennis-Fritz, wie er sich insgeheim vorgenommen hatte. Er startete neue Versuche, doch immer wieder ertappte er sich dabei, dass er plötzlich mit den anderen spielte und gar nicht mehr wusste, welches sein Spielzeug war oder welches er am Morgen mit auf die Wiese nehmen sollte.
Das machte Fritz traurig und etwas zornig. Zornig war er, wenn er sah wie die anderen Kinder mit ihrem Lieblingsspielzeug großtaten und traurig war er weil nichts sich als sein richtiges Spielzeug herausstellen wollte. Selbst der Versuch mit seinem alten gelben, etwas traurig dreinblickenden Teddybären, der ihn doch immer so treu auf Reisen ins Traumland oder auf den langen langweiligen Urlaubsfahrten seiner Eltern begleitet hatte, war heute jämmerlich gescheitert.
Fritz wollte mit nichts und niemanden mehr spiele als er jetzt am Rande der Kindergruppe stand, die sich gerade anschickten, mit Lieses Ball ein spannendes Turnier auszutragen. Fritz schaute zur Seite, zum Rand der Wiese als ob sich dort eine Lösung seines Problems finden ließe. Aber da stand nur ein Kirschbaum mit ausladenden Ästen. Als Liese ihn anstupste und sagte „Los, Fritz Du machst mit bei der Verteidigung“, antwortete Fritz, „Ach ich glaube ich bin etwas müde und ruhe mich da am Baum aus. Ich spiele dann in der zweiten Halbzeit mit.“ „Du bist langweilig“ sagte Liese aber lachte dabei, so dass Fitz einigermaßen erleichtert zum Baum lief.
An den festen glatten Baumstamm gelehnt verfolgte er das Spiel der anderen und natürlich fielen ihm die Augen zu. Fritz träumte, dass er wie ein Eichhörnchen über hohe Äste huschte und elegant von einer Baumetage zur nächsten sprang. Ganz oben im Baum hingen noch die Nüsse und als er nach oben schaute, fiel ihm eine auf seinen Eichhörnchenkopf. Dabei war es aber nur der Basketball mit dem Liese ihn zur zweiten Halbzeit geweckt hatte. Noch leicht verschlafen rannte er zum Spielfeld hinunter und gab einen ziemlich guten Verteidiger ab.
Als sie dann abends zurück zu ihren Eltern mussten, schaute Fritz noch einmal rüber zu dem Kirschbaum und nahm sich vor es morgen mit einer kleinen Klettertour auf seinen Ästen zu versuchen. Und so kam es auch. Zwei tagelang führten er und seine Freunde Expeditionen auf dem Kirschbaum durch. Doch niemand nannte ihn deswegen Tarzan-Fritz und am dritten Tag hatten sie Rudis Rutsche in ein sturmgepeitschtes Segelschiff umfunktioniert.
Fritz zeigte seinen Freunden in den kommenden Jahren noch viele neue Spiele und Spielzeuge blieb aber immer nur der Fritz und wenn er manchmal von seinem Platz am Kirschbaum den andern zusah, dann konnte er sich an die Traurigkeit und den Zorn von früher nur noch schwach erinnern. Dort unter dem Kirschbaum küsste er dann später seine erste große Liebe. Und noch viel später, als sie sich schon gegenseitig damit aufzogen ob es nun Zeit für die vierten oder fünften Zähne sei, schenkte ihm sein alter Freund Rutschen-Rudi eine kleine Bank, die sie zum Kirschbaum trugen um von dort dem Treiben der Kinder zuzusehen.
